Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) zählt zu den komplexesten Erkrankungen der modernen Medizin. Über viele Jahre wurde sie missverstanden, unterschätzt oder fälschlicherweise als rein psychische Erkrankung eingeordnet. Heute zeichnet die wissenschaftliche Evidenz jedoch ein völlig anderes Bild: ME/CFS ist eine chronische Multisystemerkrankung, bei der zahlreiche Organsysteme gleichzeitig betroffen sind – insbesondere das Immun-, Nerven-, Herz-Kreislauf- und Energiestoffwechselsystem.
Millionen Menschen weltweit leiden an ME/CFS. Seit der COVID-19-Pandemie ist das öffentliche und wissenschaftliche Interesse deutlich gestiegen, da ein Teil der Betroffenen nach einer SARS-CoV-2-Infektion ein Krankheitsbild entwickelt, das die diagnostischen Kriterien für ME/CFS erfüllt.
ME/CFS ist weit mehr als chronische Müdigkeit. Das zentrale Merkmal ist eine massive Belastungsintoleranz, bei der bereits geringe körperliche oder geistige Aktivitäten zu einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen.
Dieses Leitsymptom wird als Post-Exertional Malaise (PEM) bezeichnet. Es beschreibt eine oft verzögert eintretende Verschlechterung sämtlicher Beschwerden nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung. Charakteristisch ist, dass sich die Symptome nicht unmittelbar bessern, sondern über Tage oder sogar Wochen anhalten können.
PEM gilt heute als das diagnostisch wichtigste Merkmal der Erkrankung.
Das klinische Bild ist ausgesprochen vielfältig. Häufig berichten Betroffene über:
Die Symptomintensität kann erheblich schwanken und reicht von leichter Einschränkung bis hin zu vollständiger Bettlägerigkeit.
Die genaue Ursache von ME/CFS ist trotz intensiver Forschung bislang nicht vollständig geklärt. Die heutige Datenlage spricht jedoch für eine Kombination mehrerer biologischer Mechanismen.
Bei vielen Patientinnen und Patienten beginnt die Erkrankung nach einer Infektion.
Bekannte Auslöser sind unter anderem:
Nicht die Infektion selbst scheint entscheidend zu sein, sondern eine fehlgeleitete Reaktion des Organismus auf die Infektion.
Mehrere Studien zeigen Hinweise auf:
Die Ergebnisse sind jedoch nicht bei allen Betroffenen identisch.
Viele Patientinnen und Patienten entwickeln eine Störung des vegetativen Nervensystems.
Typische Folgen:
Diese Veränderungen erklären viele Beschwerden im Alltag.
Aktuelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass Zellen ihre Energie nicht mehr effizient bereitstellen können.
Diskutiert werden:
Diese Mechanismen könnten erklären, weshalb bereits geringe Belastungen zu einer ausgeprägten Erschöpfung führen.
Bildgebende Untersuchungen und Liquoranalysen liefern Hinweise auf entzündliche Veränderungen im zentralen Nervensystem.
Ob diese Veränderungen Ursache oder Folge der Erkrankung sind, wird derzeit intensiv erforscht.
Nein.
Bis heute existiert kein einzelner Laborwert, der ME/CFS sicher bestätigen oder ausschließen kann.
Die Diagnose basiert auf:
International werden vor allem zwei Kriterienkataloge verwendet.
Erforderlich sind:
Zusätzlich muss mindestens eines der folgenden Symptome vorliegen:
Die britische NICE-Leitlinie legt besonderen Wert auf:
Da zahlreiche Erkrankungen ähnliche Beschwerden verursachen können, ist eine strukturierte Diagnostik essenziell.
Besonders wichtig sind:
Hierbei werden neurologische, internistische und orthopädische Ursachen berücksichtigt.
Typischerweise gehören dazu:
Je nach Befund können weitere Untersuchungen erforderlich sein.
Viele Betroffene leiden unter Herzrasen, Schwindel oder Belastungsintoleranz.
Je nach Beschwerden können sinnvoll sein:
Ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik ist die Untersuchung des autonomen Nervensystems.
Zum Einsatz kommen beispielsweise:
Damit können POTS oder andere Formen der orthostatischen Intoleranz erkannt werden.
Bei ausgeprägtem „Brain Fog“ können standardisierte neuropsychologische Tests hilfreich sein.
Die Zwei-Tages-Spiroergometrie gilt als wissenschaftlich besonders interessant.
Im Gegensatz zu gesunden Personen oder vielen anderen chronischen Erkrankungen zeigen Menschen mit ME/CFS häufig einen deutlichen Leistungsabfall am zweiten Testtag.
Da diese Untersuchung jedoch eine schwere PEM auslösen kann, wird sie im klinischen Alltag nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt.
Bis heute existiert keine ursächliche Heilung.
Die Behandlung konzentriert sich auf:
Früher empfohlene Programme mit stufenweiser Belastungssteigerung („Graded Exercise Therapy“) werden heute von mehreren internationalen Leitlinien bei Patientinnen und Patienten mit PEM nicht mehr empfohlen.
Ein Teil der Menschen mit Long COVID entwickelt ein Krankheitsbild, das sämtliche diagnostischen Kriterien einer ME/CFS erfüllt.
Die Forschung beider Erkrankungen überschneidet sich zunehmend. Viele pathophysiologische Mechanismen – insbesondere Immunveränderungen, autonome Dysfunktion und Störungen des Energiestoffwechsels – scheinen ähnlich zu sein.
ME/CFS ist eine schwere, chronische und biologisch begründbare Multisystemerkrankung. Die Erkrankung betrifft weit mehr als die körperliche Leistungsfähigkeit und kann nahezu jedes Organsystem beeinflussen.
Auch wenn derzeit noch kein spezifischer Labortest existiert, ermöglichen standardisierte Diagnosekriterien und eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung eine verlässliche Diagnosestellung.
Die internationale Forschung entwickelt sich derzeit so dynamisch wie nie zuvor. Neue Erkenntnisse über Immunologie, Energiestoffwechsel, Gefäßfunktion und Neuroinflammation geben berechtigte Hoffnung, dass in den kommenden Jahren gezieltere diagnostische Verfahren und wirksamere Therapien verfügbar werden.
Quellen:
Ordination Dr. Evgenia Janša
Siriusstrasse 15
A-9020 Klagenfurt am Wörthersee