Herzinfarkt-Risiko berechnen: Was Ihr persönlicher Risikoscore wirklich aussagt

Ein Herzinfarkt oder Schlaganfall wirkt oft wie ein plötzliches Ereignis. Tatsächlich beginnt die Entwicklung vieler Herz-Kreislauf-Erkrankungen jedoch Jahre oder sogar Jahrzehnte zuvor. Arterien verändern sich schleichend, Risikofaktoren summieren sich, und lange bevor Beschwerden auftreten, steigt das individuelle Risiko bereits an.

Die moderne Präventionsmedizin versucht deshalb nicht nur einzelne Werte zu beurteilen, sondern das gesamte Herz-Kreislauf-Risiko eines Menschen abzuschätzen. Mithilfe wissenschaftlich entwickelter Risikoscores lässt sich berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, in den kommenden Jahren einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine andere arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden.

Warum das Gesamtrisiko wichtiger ist als einzelne Laborwerte

Viele Menschen kennen ihren Cholesterinwert oder ihren Blutdruck. Doch diese Zahlen allein erlauben nur eine begrenzte Aussage über das tatsächliche Risiko.

Ein leicht erhöhter Cholesterinwert kann bei einem jungen Nichtraucher mit normalem Blutdruck eine andere Bedeutung haben als bei einer älteren Person mit Diabetes und langjährigem Bluthochdruck.

Deshalb betrachten moderne Risikorechner mehrere Faktoren gleichzeitig. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht eine realistische Einschätzung des individuellen Risikos.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören:

  • Alter
  • Geschlecht
  • Blutdruck
  • Cholesterinwerte
  • Rauchen
  • Diabetes mellitus
  • familiäre Belastung
  • Übergewicht
  • Bewegungsmangel

Was ist SCORE2?

SCORE2 ist der von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) empfohlene Risikorechner für Menschen zwischen 40 und 69 Jahren.

Der Score schätzt das Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Dazu gehören insbesondere Herzinfarkt, Schlaganfall und andere arteriosklerotische Gefäßerkrankungen.

Für die Berechnung werden folgende Parameter verwendet:

  • Alter
  • Geschlecht
  • Raucherstatus
  • systolischer Blutdruck
  • Non-HDL-Cholesterin

Anhand dieser Daten wird das individuelle Zehn-Jahres-Risiko berechnet und in verschiedene Risikokategorien eingeteilt.

Das Ergebnis hilft Ärztinnen und Ärzten dabei, gemeinsam mit den Betroffenen über Präventionsmaßnahmen und gegebenenfalls notwendige Therapien zu entscheiden.

SCORE2-OP für ältere Menschen

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich an. Deshalb wurde für Menschen ab 70 Jahren ein eigener Risikorechner entwickelt: SCORE2-OP.

Das Kürzel „OP“ steht für „Older Persons“.

Der Rechner berücksichtigt die besonderen Risikokonstellationen älterer Menschen und ermöglicht eine realistischere Einschätzung als der klassische SCORE2.

Gerade im höheren Lebensalter hilft die Risikobewertung dabei, Nutzen und mögliche Belastungen präventiver Maßnahmen individuell abzuwägen.

Der neue PREVENT Risk Calculator

Die Forschung entwickelt sich ständig weiter. Deshalb wurde 2023 von der American Heart Association der PREVENT Risk Calculator vorgestellt.

Dieses neue Modell erweitert die klassische Risikoberechnung und berücksichtigt zusätzliche Einflussfaktoren.

Dazu gehören unter anderem:

  • Nierenfunktion
  • Stoffwechselparameter
  • Körpergewicht
  • weitere gesundheitsrelevante Faktoren

Das Ziel besteht darin, das individuelle Risiko noch genauer abzuschätzen und Präventionsmaßnahmen besser auf die persönliche Situation abzustimmen.

PREVENT wird derzeit zunehmend in wissenschaftlichen Studien und klinischen Diskussionen berücksichtigt und könnte in Zukunft eine wichtige Rolle in der kardiovaskulären Prävention spielen.

Warum kein Risikoscore perfekt ist

So hilfreich moderne Risikorechner auch sind – sie erfassen nicht alle Faktoren, die für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich sind.

Zu den sogenannten Risikomodifikatoren gehören beispielsweise:

  • Lipoprotein(a)
  • familiäre Vorbelastung
  • Coronarkalk (CAC-Score)
  • chronische Nierenerkrankungen
  • entzündliche Erkrankungen
  • Bewegungsmangel
  • Adipositas

Ein Mensch kann daher trotz eines scheinbar niedrigen Risikos zusätzliche Risikofaktoren aufweisen, die in der Standardberechnung nicht vollständig berücksichtigt werden.

Aus diesem Grund ersetzt kein Risikoscore die individuelle ärztliche Beurteilung.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Ein erhöhtes Risiko bedeutet nicht automatisch, dass eine Erkrankung unvermeidbar ist.

Im Gegenteil: Die frühzeitige Erkennung eines erhöhten Risikos ermöglicht gezielte Präventionsmaßnahmen.

Je nach Risikokategorie können folgende Maßnahmen sinnvoll sein:

  • Rauchstopp
  • regelmäßige Bewegung
  • Gewichtsreduktion
  • Blutdruckkontrolle
  • Optimierung der Blutzuckerwerte
  • Senkung erhöhter Cholesterinwerte
  • medikamentöse Therapie bei hohem Risiko

Die moderne Präventionsmedizin verfolgt dabei das Ziel, Erkrankungen zu verhindern, bevor sie entstehen.

Wann sollte das Herzinfarkt-Risiko bestimmt werden?

Eine Risikoberechnung ist besonders sinnvoll:

  • ab dem 40. Lebensjahr
  • bei erhöhtem Cholesterin
  • bei Bluthochdruck
  • bei Diabetes mellitus
  • bei Raucherinnen und Rauchern
  • bei familiärer Vorbelastung für Herzinfarkt oder Schlaganfall
  • bei Übergewicht oder Bewegungsmangel

Gerade Menschen, die sich gesund fühlen, profitieren häufig von einer frühzeitigen Risikoeinschätzung, da viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Jahre unbemerkt verlaufen.

Fazit

Die Berechnung des Herzinfarkt-Risikos ist heute ein zentraler Bestandteil der modernen Präventionsmedizin. Mit Instrumenten wie SCORE2, SCORE2-OP und dem neuen PREVENT Risk Calculator lässt sich das individuelle Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich besser einschätzen als durch einzelne Laborwerte oder Blutdruckmessungen allein.

Gleichzeitig bleibt jeder Risikoscore nur ein Hilfsmittel. Die persönliche Lebenssituation, familiäre Belastung, Lipoprotein(a), Coronarkalk und weitere Faktoren können die tatsächliche Risikosituation erheblich beeinflussen.

Je früher Risiken erkannt werden, desto größer ist die Chance, Herzinfarkt und Schlaganfall wirksam vorzubeugen.

Denn die beste Behandlung bleibt jene, die gar nicht erst notwendig wird.

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